Warum du dich heute noch für ein Stipendium bewerben solltest
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Ein Stipendium ist einer der wenigen Wege, das Studium zu finanzieren, ohne Schulden zu machen. Trotzdem bewerben sich viele gar nicht erst. Sie halten sich für nicht gut genug, scheuen den Aufwand oder wissen nicht, wo sie anfangen sollen. Die Zahlen wirken auch erst einmal abschreckend: Die 13 vom Bund finanzierten Begabtenförderungswerke haben 2024 laut Bundesregierung 31.447 Studierende gefördert, rund 1,1 Prozent aller Studierenden. Einen Einser-Schnitt setzen sie nach eigener Aussage auf stipendiumplus.de aber nicht voraus. Wie eine Bewerbung ohne Bestnoten ausgehen kann, erzählt Jenny. Sie hat sich bei der Hans-Böckler-Stiftung beworben, ihr Bericht stammt aus ihrer Zeit als Stipendiatin.
Ein Stipendium ist eh nur was für die Besten der Besten…
… so ein Blödsinn. Ich habe dieses Ammenmärchen trotzdem lange geglaubt. Als mir ein Kommilitone nahelegte, mich bei der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) zu bewerben, war ich eher abgeschreckt. Wegen meines Engagements hätte ich gute Chancen, meinte er. Ja, ja, dachte ich, aber was ich gemacht habe, hätte doch jede und jeder andere auch getan.
Falsch!
Ob jemand für ein Stipendium infrage kommt, hängt von mehr ab als vom Zeugnis. Die HBS etwa achtet neben überdurchschnittlichen Leistungen auf gewerkschaftliches, gesellschaftspolitisches oder soziales Engagement und betrachtet die gesamte Biografie. Und ja, ein bisschen Glück gehört dazu.
Beworben wird sich für ein Stipendium bei der HBS ausschließlich über ein Online-Formular. Pflicht ist ein Referenzschreiben: Gewerkschaftsmitglieder holen es bei ihrer Gewerkschaft vor Ort, alle anderen bei einer anderen Referenzperson. Für Studienanfänger gibt es die Böckler-Aktion Bildung; sie setzt voraus, dass du dem Grunde nach Anspruch auf den BAföG-Höchstsatz hättest. Außerdem fördert die Stiftung schon das (Fach-)Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Ich war gesellschaftspolitisch engagiert, aber in keiner Gewerkschaft, und habe mich damals über das sogenannte ergänzende Verfahren beworben.
Ich war also mutig, habe alle Unterlagen eingereicht und mich an die Stipendiat*innengruppe vor Ort gewandt. Für eine vollständige Bewerbung brauchte ich zwei Gutachten: eines der Stipendiat*innen, das ein Bild der Person zeichnen soll, und eines von Vertrauensdozent*innen zur Studierfähigkeit. Im Kern läuft es heute noch so. Nach einer Vorauswahl folgen Gespräche mit einer Vertrauensdozentin oder einem Vertrauensdozenten und mit einer Stipendiat*innengruppe, entschieden wird in einem Auswahlausschuss. Zwischen Bewerbungsschluss und Entscheidung vergehen etwa sechs Monate.
Man, war ich aufgeregt!
Beide Gespräche waren aufschlussreich, auch für mich selbst. Mir war gar nicht bewusst, auf wie vielen Hochzeiten ich eigentlich tanzte.
Und dann: Rückstellung! Die Stiftung sah Potential, wollte aber sehen, wie ich mich entwickeln werde.
Ein halbes oder ganzes Jahr später durfte ich das gesamte Prozedere wiederholen. Schlimm war das nicht, ich habe wieder sehr nette und engagierte Menschen kennengelernt. Dann kam die Zusage, und ich bekam es mit der Angst.
Kann ich dem Stipendium überhaupt gerecht werden?
Was wird von mir erwartet? Zuspruch aus meinem studentischen Umfeld hat mir geholfen, mich zu erden und das Geschenk anzunehmen.
Und ja, es ist ein Geschenk und das Beste, was mir passieren konnte. Ich bekomme nicht nur eine finanzielle Förderung für mein Studium, wichtiger ist mir die ideelle Förderung.
Warum ein Stipendium das Beste ist, was dir im Studium passieren kann
Bezahlt werden die Begabtenförderungswerke vom Bundesforschungsministerium, berechnet wird das Geld aber wie BAföG. Das Grundstipendium folgt den BAföG-Bedarfssätzen, jede Erhöhung wird direkt übernommen (Bundestagsdrucksache 21/3534). 2026 sind das höchstens 992 Euro im Monat, so viel wie der BAföG-Höchstsatz. Das Einkommen deiner Eltern und dein eigenes werden angerechnet. Ob du BAföG-berechtigt wärst, ist deshalb ein guter erster Anhaltspunkt. Zusätzlich bekommt jede Stipendiatin und jeder Stipendiat 300 Euro Studienkostenpauschale im Monat, egal wie hoch das Einkommen ist.
Ein Stipendium musst du nicht zurückzahlen. Die Bundesregierung spricht von einem Vollzuschuss. Beim BAföG ist dagegen die Hälfte ein zinsloses Darlehen (§ 17 Abs. 2 BAföG). Zurückgezahlt werden höchstens 77 Raten zu 130 Euro, also 10.010 Euro (§ 18 BAföG, Details unter BAföG-Rückzahlung). Beides zugleich geht nicht: Wer Leistungen eines Begabtenförderungswerks erhält, bekommt kein BAföG (§ 2 Abs. 6 BAföG).
Gefördert wirst du außerdem ideell, auch wenn du kein Grundstipendium bekommst. Für mich ist das der eigentliche Hauptgewinn.
Die HBS bietet Seminare, Forschungsreisen und viel Raum für eigene Ideen. So viel Gestaltungsspielraum habe ich bei keiner anderen Stiftung erlebt oder von ihr gehört.
Zusammen mit anderen Stipendiat*innen habe ich ein Seminar zum Thema Social Business in Berlin organisiert und durchgeführt, ein Anschlussseminar im Baskenland und in Portugal ist in Planung. Dazu kommen Seminare anderer, in denen ich mein Engagement ausbauen, mich weiterentwickeln und mich vernetzen kann. Und wenn es mal ein Tief gibt, findet sich auf den vielen stipendiatischen Veranstaltungen jemand, mit dem ich reden und neue Energie schöpfen kann. Dieser bunte Haufen inspiriert mich.
Nach den Vorteilen von Stipendien gefragt, könnte ich lange erzählen. Über Nachteile denke ich schon eine Weile nach. Am ehesten fallen mir die Abstimmungsprozesse ein, die manchmal ganz schön langwierig sind. Die gibt es aber in jeder Arbeitsgruppe, ein Nachteil des Stipendiums ist das nicht. Also, Leute: Bewerbt euch! Wenn ihr zweifelt, lasst andere entscheiden. Dann habt ihr es wenigstens probiert.
Was ihr bei der Bewerbung um ein Stipendium beachten solltet
Bleibt authentisch und macht euch weder größer noch kleiner, als ihr seid. Geht euren Werdegang Station für Station durch: Warum ist es so gekommen, wie es gekommen ist? Ganz wichtig: Setzt euch mit der jeweiligen Stiftung auseinander. Passen ihre Ziele zu euren? Ich schreibe aus Sicht einer Böckler-Stipendiatin. Die zwölf anderen Begabtenförderungswerke, darunter die Studienstiftung sowie kirchliche und parteinahe Stiftungen, stellen sich gemeinsam auf stipendiumplus.de vor.
Die Besten der Besten, ja, aber das muss sich nicht auf Noten, Studiendauer, Berufs- und Auslandserfahrung beziehen. Oft sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Sprecht deshalb mit Leuten, die Erfahrung haben: in der Studienberatung, bei arbeiterkind.de oder bei eurem AStA beziehungsweise StuPa.
Habt Mut!
Danke, Jenny, für deinen Beitrag aus Sicht einer Stipendiatin, die ohne den Schubs von außen vielleicht nie eine geworden wäre!
Und die Moral von der Geschicht?
Bewirb dich, verdammte Axt! Was hast du schon zu verlieren? Das Schlimmste, was passieren kann, ist eine Absage, und selbst danach ist nicht Schluss: Bei der HBS ist eine Wiederbewerbung ausdrücklich möglich. Wenn du dich nicht bewirbst, erfährst du nie, ob du eine Chance gehabt hättest.
Ich bin daran gescheitert, dass ich zu lange gewartet habe, weil ich nicht geglaubt habe, gut genug für ein Stipendium zu sein. Jenny hatte mehr Glück, sie hat gerade noch die Kurve gekriegt. Durch ihr Stipendium haben sich viele Möglichkeiten ergeben, eigene Projekte voranzubringen, und anders als ich und alle anderen BAföG-Empfänger muss sie am Ende nichts zurückzahlen. Sie hat sich dieses Stipendium redlich verdient, genau wie du! Also worauf wartest du noch? Schmeiß die Suchmaschine an und check deine Möglichkeiten! Vielleicht ist das Deutschlandstipendium etwas für dich? Und falls es mit dem Stipendium nicht klappt: In der Übersicht zur alternativen Studienfinanzierung stehen die übrigen Wege. Los, bevor meine Daumen blau anlaufen!
Und vergiss nicht, mir zu erzählen, wie es gelaufen ist!