Warum dein Schulzeugnis scheißegal ist

Zuletzt aktualisiert:

Jeder erzählt dir, dein Schulabschluss entscheidet über deine berufliche Zukunft. Das ist eine Lüge. Warum dein Schulzeugnis scheißegal ist, verrate ich dir
Schulzeugnis

Als ich diesen Text 2016 geschrieben habe, war ich 35 Jahre alt, hatte zwei Kinder, eine gute Ehe und seit Kurzem meinen Masterabschluss in der Tasche. Ich liebe, was ich tue, und teile diese Freude hier auf meinem Blog, auf Instagram und anderen Plattformen.

Die Freude ist echt, und ich glaube, das spürt ihr. Manche fragen sich vielleicht, wie ich das erreicht habe, andere spekulieren, ich hätte einfach Glück gehabt. Wenn in meinem Leben aber immer alles Friede, Freude, Eierkuchen gewesen ist: Warum zum Teufel habe ich dann mit 34 immer noch studiert?

Warum habe ich mit 34 immer noch studiert?

1. Weil ich es konnte.
2. Weil ich es wollte.

Klingt einfach?

War es aber nicht immer. Eigentlich sollte ich gar nicht hier sein und das tun, was ich tue. Es gab mehr als genug Menschen, die davon überzeugt waren, dass nie etwas aus mir werden würde. Menschen mit Einfluss. Menschen mit Verantwortung. Menschen, die junge Leute hätten fördern sollen, statt sie klein zu reden.

Zum Glück habe ich nie sehr viel auf die Meinung anderer gegeben. Im Gegenteil. Ich tat schon immer am liebsten das, was man am wenigsten von mir erwartete.

Und doch stellt sich mir immer wieder die Frage:

Wenn du rückblickend etwas anders machen könntest, was wäre das?

Das Schulzeugnis wird überbewertet

Wie du siehst, das Leben endet nicht mit der Schule. Dein Schulzeugnis wird dich noch eine Weile verfolgen, aber nicht für immer. Das Leben bietet dir immer wieder neue Gelegenheiten, dich zu beweisen und herauszufinden, was du kannst und willst.

Lass dir niemals einreden, du seist nicht ok so wie du bist und erst recht nicht, dass jemand anders als du selbst besser wisse, wer du bist und was du kannst.

Ich weiß nicht, warum das so ist, nur dass es so ist. Menschen sind pessimistisch und ohne es zu wollen, reden sie dir deine Träume, Wünsche und Ziele aus.

Bildzitat: „Jeder ist begabt! Aber wenn du einen Fisch nach seiner Fähigkeit beurteilst, auf einen Baum zu klettern, wird er für den Rest seines Lebens glauben, er sei dumm.“
Das Zitat ist Albert Einstein nicht nachzuweisen: Für seine Urheberschaft gibt es keinen belastbaren Beleg (Quote Investigator, History.com). Der Gedanke dahinter ist trotzdem richtig.

Was deine Note wirklich entscheidet, und was nicht

Damit das hier nicht bei Trost stehen bleibt, jetzt die nüchterne Version. Deine Abschlussnote hat eine Stelle, an der sie wirklich hart zählt: die Zulassung. Für Human-, Zahn- und Tiermedizin und für Pharmazie vergibt die Stiftung für Hochschulzulassung die Plätze bundesweit nach einem Quotenmodell. Bis zu 20 Prozent gehen vorab an Härtefälle, Zweitstudienbewerber und ähnliche Gruppen, der Rest wird aufgeteilt: 30 Prozent gehen über die Abiturbestenquote, 10 Prozent über die zusätzliche Eignungsquote, die ausdrücklich schulnotenunabhängige Kriterien heranzieht, etwa den TMS oder eine abgeschlossene Berufsausbildung, und 60 Prozent über die Auswahlverfahren der Hochschulen, die die Note mit Eignungstests, Auswahlgesprächen oder Berufserfahrung kombinieren (Quotenmodell von Hochschulstart). Allein über das Zeugnis entscheidet also nur die erste dieser drei Quoten. Wie das für andere Fächer aussieht, steht im Artikel zum Numerus clausus.

Und jetzt die unbequeme Hälfte, die in Mutmach-Texten meistens fehlt: Die Note ist kein Zufallswert. Eine Metaanalyse von Trapmann, Hell, Weigand und Schuler fasst 83 Koeffizienten aus europäischen Studien seit 1980 zusammen. Die korrigierten Validitätskoeffizienten liegen zwischen .26 und .53, und den höchsten Wert erreicht ausgerechnet die deutsche Schuldurchschnittsnote (Zeitschrift für Pädagogische Psychologie 21 (2007), S. 11–27). Schulnoten sagen den Studienerfolg besser vorher als fast alles andere, was sich vor dem ersten Semester überhaupt messen lässt.

Besser als alles andere heißt aber nicht zuverlässig. Aus .53 folgt, dass gut ein Viertel der Unterschiede im Studienerfolg mit der Schulnote zusammenhängt. Die anderen drei Viertel entstehen woanders, und zwar zum größten Teil erst nach der Schule. Genau in diesem Rest habe ich mein Studium gemacht.

Wenn das Zeugnis für den Wunschstudiengang nicht reicht, ist die Tür deshalb nicht zu, sie liegt nur woanders. Seit dem Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 6. März 2009 haben Meisterinnen und Meister bundesweit eine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung, ebenso Fachwirte sowie Absolventen von Fortbildungen mit mindestens 400 Unterrichtsstunden. Wer eine mindestens zweijährige Berufsausbildung und drei Jahre Praxis im verwandten Feld vorweist, kommt über ein Eignungsfeststellungsverfahren oder ein mindestens einjähriges Probestudium fachgebunden hinein (KMK-Beschluss, PDF). Wie das praktisch abläuft, steht bei uns unter Studieren ohne Abitur und Hochschulzugangsberechtigung.

Das bleibt keine Theorie. 2024 waren rund 70.000 Menschen ohne Abitur oder Fachhochschulreife an deutschen Hochschulen eingeschrieben, 2,4 Prozent aller Studierenden. Unter den Erstsemestern waren es rund 13.000 beruflich Qualifizierte, also 2,7 Prozent. Im selben Jahr haben 10.270 von ihnen einen Bachelor oder Master abgeschlossen, seit 2009 sind es zusammen 104.941 Abschlüsse. An 392 der 422 Hochschulen sitzt inzwischen mindestens eine solche Person im Hörsaal (CHE, 24. März 2026, nach Zahlen des Statistischen Bundesamts für 2024). Ich mag diese Zahl, weil sie klein aussieht und trotzdem 70.000 Biografien enthält, die angeblich nicht vorgesehen waren.

Und danach zählt ohnehin ein anderes Papier. Wer ein Arbeitsverhältnis beendet, hat nach § 109 der Gewerbeordnung Anspruch auf ein schriftliches Zeugnis über Art und Dauer der Tätigkeit, auf Wunsch auch über Leistung und Verhalten. Dieses Zeugnis wächst mit jeder Station. Deines aus der zehnten Klasse nicht.

Ich kann die Vergangenheit nicht ändern, die Zukunft aber schon. Wenn dieser Text dazu führt, dass ein einziger Mensch weniger an sich zweifelt, hat er sich gelohnt.

Lass dich nicht unterkriegen. Am allerwenigsten von Lehrern. Deine Note öffnet oder verschließt eine Tür am Anfang. Wie weit du danach gehst, entscheidet sie nicht. Und falls dir gerade jemand einredet, du gehörst nicht an eine Hochschule, lies, was Arbeiterkinder an der Uni dazu erzählen, oder wie der zweite Bildungsweg von der Hauptschule bis zum Master führt.

Ich drücke dir alle Daumen, dass du deine Ziele erreichst.