Studieren ohne Abitur: So geht's!

Studieren ohne Abitur: Hochschulzulassung auf Umwegen

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Studieren ohne Abitur geht nicht! Denken viele, stimmt aber nicht.

Ich bin Mathias, 33, gelernter Kaufmann im Groß- und Außenhandel, Wirtschaftsinformatiker B.Sc., Vater von zwei ziemlich coolen Jungs, Masterstudent und Mitbegründer von Studieren+. Was daran besonders ist? Eigentlich nichts. Ich bin ein Typ wie jeder andere auch. Das einzige, was mich von ausnahmslos allen anderen Studis in meinem Semester unterscheidet ist, dass ich nie Abi gemacht hab. Du ließt richtig: Ich studiere ohne Abitur. 

Nicht, dass ich es mit dem Abitur nie versucht hätte. Ich hab's nur nie abgeschlossen. Ein Jahr vor den Abiprüfungen habe ich der Schule frustriert den Rücken gekehrt und mich fürs Geld verdienen entschieden. Wie man sieht, hat das meiner Karriere keinen Abbruch getan. Ich hab mittlerweile trotzdem oder vielleicht gerade deswegen mein Bachelorstudium mit eins vorm Komma abgeschlossen, ein Auslandssemester mit Frau und Kindern gemacht und steuere jetzt geradewegs auf meinen Master zu.

Warum ich dir das erzähle? Natürlich um anzugeben!​ Welchen Zweck könnte ein Blogpost zum Thema Studieren ohne Abitur sonst haben?

Spaß beiseite 😉 Ich bin gar nichts besonderes und ich nehme an, wenn du dich hierher verirrt hast, dann weil ein Studium ohne Abitur auch was für dich sein könnte oder vielleicht sogar schon ist.​ Mein Job ist es an dieser Stelle, dir a) zu zeigen, wie es funktioniert und b) dich zu motivieren durchzuhalten, auch wenn die Zweifel in deinem Kopf noch so laut werden. Es lohnt sich.

Zu diesem Thema habe ich letztens auch ein Radiointerview gegeben, welches du dir hier anhören kannst (2m 50s).

Studieren ohne Abitur: Wie geht das?

Mein Weg und auch die einzige Voraussetzung zum Studium ohne Abitur geht über eine Berufsausbildung und mindestens dreijährigen Berufserfahrung. Ich habe also nach meinem gescheiterten Abitur eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel gemacht und nach erfolgreichem Abschluss in meinem Ausbildungsbetrieb gearbeitet. Ich wollte überhaupt nichts mehr mit Schule und Studium zu tun haben und war auch glücklich in meinem Job. Nur irgendwann wurde die Routine langweilig und ich wollte was neues machen. Mich weiter bilden, wie auch immer. 

Ich fing an, mein altes Zeugnis rauszukramen und zu recherchieren, welche Möglichkeiten es zum erlangen des Abiturs gibt. Es gibt da eine tolle Regelung, wenn man eine bestimme Anzahl an Punkten erworben hat, kann man nachträglich sein Abitur erwerben. Leider fehlten mir dazu ein paar wenige. 

Doch das sollte kein Nachteil sein und auch du solltest dir gut überlegen, ob du wirklich nochmal die Schulbank für dein Abi drücken musst oder dich doch einfach direkt in den Hörsaal setzt wie ich.

Ich fand heraus, dass in den Hochschulrahmengesetzen aller Länder Regelungen zum Studium von beruflich Qualifizierten festgelegt sind. ​So bezeichnet man die Studieninteressierten ohne Abitur. Studieren ohne Abitur ist also kein Hirngespinnst, sondern ein vom Staat gefördertes Modell.
Üblicherweise musst du dafür eine Berufsausbildung und eine Mindestanzahl an Berufsjahren nachweisen. Dann darfst du, auch ohne Abitur, in einem artverwandten Studiengang aufgenommen werden.

Hier findest du nach deinem Bundesland speziell geltende Regelungen für dein Studium ohne Abitur.

Mehr Praxis geht nicht

Ein Studium ohne Abi hat viele Vorteile z.B. konntest du einen Beruf lernen statt deine Zeit in der Schule mit etwas zu verschwenden, das dir aus welchen Gründen auch immer, nicht liegt. Du verdienst nicht nur schon dein erstes eigenes Geld, sondern sammelst direkt viele praktische Erfahrungen und kannst dich in einem Gebiet in der Tiefe einarbeiten, statt in der Breite auswendig zu lernen. Ideal für praktisch veranlagte Menschen.

Studienplatz trotz Numerus Clausus

Bei der Zulassung fürs Studium läuft deine Bewerbung außer Konkurrenz bzw. die Konkurrenz ist für dich deutlich kleiner als für Einserabiturienten, denn für dich gilt der Numerus Clausus (NC) nicht. Wie sollte das auch gehen? Du hast ja keine Abiturnote. Stattdessen konkurrierst du nur mit anderen Bewerberinnen und Bewerbern wie dir für die jede Hochschule eine gewisse Zahl an Studienplätzen freihalten muss. So hart und ungerecht das jetzt klingen mag, aber du hast ohne Abitur bessere Chancen auf einen Studienplatz als mit einem schlechten oder mittelmäßigen Abitur.

Finanzielle Sicherheit durch elternunabhängiges BAföG​

Solltest du dein Studium durch BAföG finanzieren, zählt für dich weder die übliche Altersgrenze von 30 Jahren (Bachelor) noch wird das Einkommen deiner Eltern angerechnet, da du die Voraussetzungen für elternunabhängiges BAföG naturgemäß erfüllst.

Fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung

Studieren ohne Abitur unterliegt allerdings auch gewissen Einschränkungen. Du kannst dich meist nur in Studiengängen immatrikulieren, die deinem Beruf ähneln. Also als Kauffrau kannst du vielleicht BWL studieren und als Fahrzeugmechaniker Maschinenbau, aber du kannst nicht als Bäcker Medizin studieren. Solltest du also einen dringenden Wunsch verspüren, deine Berufsausrichtung komplett umzukrempeln, dann brauchst du vermutlich doch ein Abi. Am besten, du erkundigst dich direkt bei deiner Wunschhochschule nach den nötigen Zugangsvoraussetzungen. Oft gibt es auch die Möglichkeit einer Eignungsprüfung und die damit verbundene Zulassung in einen fachfremden Studiengang.

Exotenstatus

​Wahrscheinlich fühlst du dich als einziger ganz ohne Abi erstmal wie ein Alien an der Uni. Der Druck, etwas beweisen zu müssen ist ziemlich hoch und nicht unbedingt angenehm. Andererseits bringst du etwas mit, das viele um dich herum nicht haben: Berufserfahrung.
Wenn du arg an dir und deinen Leistungen zweifelst, dann denk dran: Du wärst jetzt nicht hier, wenn du dich nicht durchbeißen könntest. Deine Angst ist dein größter Feind. Du willst es? Dann kannst du es auch!

Ich kenne Leute, die mit nicht mehr als einem Hauptschulabschluss ihren Weg an die Uni gefunden haben, mittlerweile einen sehr guten Masterabschluss in der Tasche haben, an ihrer Promotion arbeiten und dozieren.​ Kay ist zum Beispiel so ein Fall. Er hätte ohne das Aufstiegststipendium vielleicht nie den Weg an die Uni gefunden. Und Lilian hätte wohl auch nie ihren Master gemacht, wenn sie auf ihre Lehrer in der Hauptschule gehört hätte.

Ja, wir Studenten ohne Abi sind selten. Wir sind eine Minderheit. Trotzdem gibt es uns und wir sind der Beweis dafür, dass unser Leben nicht mit dem Übergang auf die Oberschule festgeschrieben wird. Unsere Vergangenheit ist Teil von uns und formt unsere Persönlichkeit. Sie beeinflusst unsere Gegenwart, aber sie bestimmt nicht unsere Zukunft. Das tun wir ganz allein und du kannst das auch.

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Wusstest du, dass man ohne Abitur Studieren kann?

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Viele Grüße,
Mathias

Ich bin 33 Jahre alt, Vater, Student ohne Abitur, Techniknerd, Programmierer und vieles mehr. Leider hat der Tag nur 24 Stunden. Schreib mir!

Mathias 
Gründer von Studieren+                 
  • Albrecht sagt:

    Leider stimmt das nicht , dass man ohne Abi bessere Chancen bezüglich NC_Fächer hat.
    Es gilt der Abschlussdatum der Aufstiegsqualifikation bzw. der gesonderten Prüfung die die Unis in Baden-Württemberg anbieten. Deren Abschlussnote wird der Abinote gleichgestellt. Die Qualifikation habe ich kurz vorm Studium erst gemacht. Somit hatte ich weder Wartesemester ! noch irgendeine Sonderbehandlung bei der Bewerbung !!!
    Ich wurde trotz über 20jähriger Berufserfahrung bei der Bewerbung den 18jährigen Abiturienten gleichgestellt!! Das Wunschstuduim war passe`.

    • Luisa sagt:

      Nicht alle Hochschulen und Studiengänge verlangen einen Qualifikationstest. Ich kenne mehrere Personen, die in Berlin ohne Abitur studiert haben. Manche mit Test, manche ohne. In den Fällen, wo es keinen Test gab, wurde allein auf Grundlage der Berufsqualifikation und Ausbildung entschieden. Die “normalen” Bewerber:innen hatten damit nichts zu tun. Vielleicht solltest du es nochmal an einer anderen Hochschule versuchen. Andere Unis, andere Sitten.

  • Kerstin sagt:

    Hi Mathias,

    dein Beitrag ist klasse! Ich (31) gehöre auch zu der Minderheit, die ohne Abitur studiert (B. Sc. Psychologie) hat. Meine Zulassungsvoraussetzung war der staatlich geprf. Betriebswirt (zu irgendwas musste er ja gut sein, denn einen neuen Job habe ich damals durch den Abschluss nicht bekommen…).
    Und immer wieder höre ich von Leuten: Oh, da hattest du wohl ein spitzen Abi gehabt. Wenn ich dann sage, “Neee, ich hab kein Abi, sondern einfach nur Glück gehabt, einen von den 2 Plätzen für Studierende über den zweiten Bildungsweg zu bekommen”, ist der Blick eher “Ach toll und andere müssen sich dafür im Abi anstrengen”. Manchmal überlege ich, ob ich nicht einfach flunkere und sage, “Ja, Abi plus zig Wartesemester…”.
    Nun mache ich seit Okt den Master an der FU Hagen, da mein B. Sc. Schnitt nicht für einen Platz an der Präsenzuni gereicht hat. Aber dank meiner Berufserfahrung fällt es mir leicht, mich morgens an den Schreibtisch zu setzen und den Kram in Eigenregie zu lernen.
    Trotzdem freue ich mich schon darauf, wieder arbeiten zu gehen, denn diese ganze Theorie-Paukerei ist nix für mich als Praktikerin ;-).

    Macht weiter so mit eurem Blog!! Ich finde den super und motivierend!

    • Mathias sagt:

      Hi Kerstin,
      es freut mich immer wieder Personen anzutreffen, denen es so erging wie mir.
      Ich habe anfangs auch überlegt dies zu verheimlichen, aber man sollte zu sich selbst stehen. Und nur weil andere “neidisch” sind, dass man einen anderen Weg gegangen ist, muss man sich nicht dafür einengen lassen. Es ist gut, wenn man anders ist, denn damit hebt man sich von der Masse ab 🙂
      Viel Erfolg wünsche ich dir noch an der FU, in Psychologie ist sie echt gut!

      Gruß, Mathias

    • Urban sagt:

      An welcher Uni hast du den Bachelor gemacht?

  • Tim sagt:

    Hi Mathias,
    sehr guter Artikel! 🙂
    Ich arbeite schon länger an der Uni als Studienberater und kann nur bestätigen, dass Berufserfahrung und erste praktische Kenntnisse ein Riesenvorteil sein können. Hoffentlich wird es in den nächsten Jahren noch mehr Studierende geben, die sich auch ohne Abi an die Uni trauen. Das würde unserer Bildungsgesellschaft gut tun.
    Schöne Grüße
    Tim

    • Mathias sagt:

      Hey Tim, das freut mich, dass dir der Artikel gefällt.
      Ich sehe das Problem in der Aufklärung der Gruppe ohne Abitur. Die meisten wissen einfach nicht, was möglich ist und machen dann erst einmal ihr Abi nach, bevor sie sich an einer Hochschule umsehen.
      Ich hoffe, dass mein Beitrag hier auch Aufklärungsarbeit leistet 🙂
      Gruß, Mathias

  • KN sagt:

    Ein Beitrag wie dieser motiviert hoffentlich noch mehr Menschen zu studieren. Gerade zwei Prozent der StudentInnen in Deutschland kommen aus Elternhäusern mit niedrigem Bildungshintergrund. Gerade 1 Prozent aller Hochschulabschlüsse wurden ohne Abitur gemacht.

    • Mathias sagt:

      Danke KN!
      Ich bin voller Zuversicht, dass sich da einiges verändern wird 🙂
      Gruß, Mathias

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