Warum du dich heute noch für ein Stipendium bewerben solltest

Warum du dich heute noch für ein Stipendium bewerben solltest

Um eins vorab klar zu stellen, ich bin keine Stipendiatin. Dieses Glück blieb mir nicht vergönnt. Nicht, weil mir die nötigen Voraussetzungen fehlen. Nein, es ist viel banaler. Ich hab einfach ein beschissenes Timing. Ehe ich begriffen hatte, dass sogar oder gerade für Menschen wie mich ein Stipendium in Frage kommt, war es zu spät, um mich dafür noch bewerben zu können. Damit du nicht auch an so einer Banalität scheiterst, lies dir den Artikel bitte bis zum Schluss durch, auch wenn du meinst, dass du eh keine Chance auf ein Stipendium hast. Nimm dir die zwei Minuten Zeit. Danach kannst du immernoch entscheiden, ob das Thema für dich in Frage kommt oder nicht.

Stipendium bewerben

Gründe, warum du heute noch eine Bewerbung für ein Stipendium abschicken solltest

Warum ich zu spät gecheckt hab, dass sogar ich für ein Stipendium in Frage kommen könnte

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich hab immer gedacht, Stipendien sind nur was für Streber mit 1,0 Abi. Mein eigenes Abi war mega schlecht und Studium kam für mich erstmal nicht in Frage. Ich war froh aus der Schule raus zu sein und konnte mir nicht vorstellen jemals freiwillig die Schulbank zu drücken. Aber wie das so ist, man wird älter und verändert sich und irgendwann begann ich, das Lernen zu vermissen. Klingt gestört? Ist es auch! Vor allem, wenn man weiß, dass ich in meiner Schulzeit nie gelernt habe. Ich war total rebellisch und fand alles scheiße. Nicht umsonst hab ich diese grottige Abinote.

Wie dem auch sei, mein erwachsenes reifes Ich kam irgendwann zu dem Schluss, dass man nie auslernt und lernen eigentlich ne ganz großartige Sache ist. Also kündigte ich meinen Job und fing an zu studieren. Das erste Semester war die Hölle. Die Angst, mit den 1er Abiturienten nicht mithalten zu können und sich gleichzeitig finanziell zu ruinieren verfolgten mich wie Chucky die Mörderpuppe bei jedem Schritt. Daraus folgte, dass ich nie länger als vier Stunden pro Nacht schlief. Die restliche Zeit verbrachte ich in Vorlesungen, Job oder daheim am Rechner zur Vor- und Nachbereitung des Stoffs. Ich war sowas von im Eimer und das trotz BAföG-Höchstsatz.

Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, dass ich ein Stipendium bekommen könnte bis ich in meinem vierten Semester Stipendiaten kennenlernte. Sie erzählten mir von der Stiftung und den Voraussetzungen und ermutigten mich, eine Bewerbung abzuschicken. Doch bis ich das endlich umgesetzt hatte, war es mittlerweile schon zu spät. Da die großen Förderwerke daran interessiert sind, ihre Stipendiaten so lang wie möglich zu begleiten und das Bewerbungsverfahren ziemlich lange dauert, ist es bei mir bekannten Stipendien Voraussetzung, zum Zeitpunkt der Bewerbung das vierte Fachsemester nicht überschritten zu haben. Je nach Stipendiengeber, kann die Grenze natürlich variieren. Damit fiel ich also formal raus und das war’s dann. Das ist zwar kein Genickbruch, aber trotzdem irgendwie ärgerlich. Zumal diese Formalie nur dadurch entstand, dass ich nach der Geburt meines ersten Kindes kein Urlaubssemester beansprucht habe und die Semester bei mir deshalb formal weitergezählt wurden, auch wenn ich eigentlich in dieser Zeit kaum studiert habe.

Welche Vorteile hat ein Stipendium?

Der offensichtlichste Vorteil eines Stipendiums ist wohl, dass man im Gegensatz zu BAföG keine Schulden anhäuft. Dafür bekommt dann aber auch nicht jeder eins.
Abhängig von der Art des Stipendiums kann es höher oder niedriger als der BAföG-Höchstsatz sein und auch ob das Einkommen der Eltern eine Rolle spielt, ist von Stipendium zu Stipendium unterschiedlich, was für dich besonders interessant sein dürfte, falls du wegen deiner Eltern kein BAföG erhältst.

Zusätzlich zur finanziellen Förderung bekommst du häufig auch eine ideelle Förderung in Form von zusätzlichen Bildungsangeboten, Netzwerken und Fördermöglichkeiten für eigene Projekte.

Abseits von Hollywood musst du auch keine Angst haben, dein Stipendium wegen einer versemmelten Prüfung gleich zu verlieren. Die Regeln sind ähnlich wie beim BAföG. Halte dich an die Regelstudienzeit, außer du kannst einen wichtigen Grund nachweisen.

Welches Stipendium passt zu dir?

Es gibt ein breites Angebot diverser Stipendiengeber. Die bekanntesten sind wohl die 13 großen Begabtenförderungswerke. Daneben gibt es aber auch viele kleinere Stipendien. Jedes Stipendium hat seine eigenen Voraussetzungen

Do’s and Don’ts bei der Bewerbung für ein Stipendium

Do: Bewirb dich!

Don’t: Warte nicht zu lange damit!

Ja sorry, an dieser Stelle endet meine Weisheit zum Thema Stipendium. Tut mir leid. Aber du sollst wissen, dass mir wirklich daran gelegen ist, dir in dieser Angelegenheit so gut wie möglich zu helfen und wenn ich es nicht allein kann, dann hole ich mir Unterstützung. Deshalb habe ich alle Hebel in Bewegung gesetzt, meinen Charme spielen lassen und aus den Tiefen meines Netzwerk die Expertin in Sachen Stipendium gezaubert.

Wenn ich mal nicht weiter weiß, bilde ich nen Arbeitskreis.
Heute: mit Jenny!

Jenny Stiebitz

Jenny ist seit 2012 Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung. Sie hat wie ich zwei Kinder, engagiert sich sowohl innerhalb als auch außerhalb der Hochschule ehrenamtlich und hat sich genau wie ich erst spät für ein Studium entschieden. Sie kennt die Bewerbungsphase sowohl aus Sicht der Bewerber als auch aus Sicht der studentischen Gutachter und Gutachterinnen, die bei der Hans-Böckler-Stiftung die Erstprüfung und das erste Gespräch mit den potenziellen Stipendiaten durchführen. Ich habe sie nach den Vor- und Nachteilen eines Stipendiums sowie den Do’s and Dont’s im Bewerbungsprozess gefragt.

Hier ist ihre Antwort:

Stipendium ist eh nur was für die Besten der Besten…

… so ein Blödsinn, aber dieses Ammenmärchen habe ich immer geglaubt und war eher abgeschreckt, als mir ein Kommilitone nahelegte mich doch mal bei der Hans Böckler Stiftung (HBS) zu bewerben. Aufgrund meines Engagements hätte ich gute Chancen. Ja, ja, aber das was ich gemacht habe, hätte doch jeder oder jede andere auch getan.

Falsch!

Ob eine Person für ein Stipendium geeignet ist oder nicht, hängt von einer Vielzahl verschiedener Faktoren ab und ja, ein bisschen Glück ist auch dabei.

Es gibt verschiedene Verfahren um sich für ein Stipendium bei der HBS zu bewerben. Als Gewerkschaftsmitglied können Studierende sich über das gewerkschaftliche Verfahren bewerben. Es gibt dann noch Stipendien für Menschen, die direkt aus dem Abi ins Studium starten oder sich für einen zweiten Bildungsweg interessieren. Ich für meinen Teil, als gesellschaftspolitische Engagierte, aber keiner Gewerkschaft angehörig, habe mich über das ergänzende Verfahren bei der HBS beworben.

Ja, ich war so mutig. Habe alle Unterlagen eingereicht und mich an die Stipendiat*innengruppe der HBS gewandt. Denn für eine vollständige Bewerbung benötigen Interessierte ein Gutachten der Stips, welches ein Bild der Person widerspiegeln soll und ein Gutachten der Vertrauensdozentinnen, welches Auskunft zur Studierfähigkeit gibt.

Man, war ich aufgeregt!

Aber beide Gespräche waren sehr aufschlussreich, auch für mich selbst. Mir war gar nicht bewusst auf wie vielen Hochzeiten ich eigentlich tanzte :)

Und dann: Rückstellung! Die Stiftung sah Potential, wollte aber sehen, wie ich mich entwickeln werde.

Ein halbes oder ganzes Jahr später durfte ich das gesamte Procedere wiederholen. Das war aber nicht schlimm, denn ich habe wieder sehr nette und engagierte Menschen kennengelernt. Dann kam die Zusage und ich bekam es mit der Angst.

Kann ich dem Stipendium überhaupt gerecht werden?

Was wird von mir erwartet? Zuspruch aus meinem studentischen Umfeld half um mich zu erden und das Geschenk anzunehmen.

Und ja es ist in der Tat ein Geschenk und das Beste, was mir hätte passieren können. Ich bekomme nicht nur eine finanzielle Förderung für mein Studium, viel wichtiger ist die ideelle Förderung.

Warum ein Stipendium das beste ist, was dir als Student passieren kann

Die finanzielle Förderung wird aus den gleichen Töpfen und zu den gleichen Bedingungen wie Bafög ausgezahlt. Sprich, wenn du Bafög berechtigt bist, kannst du auch finanziell gefördert werden. Und ja, ein Stipendium musst du nicht zurückzahlen!

Unabhängig davon kannst du ideell gefördert werden. Und das ist der eigentliche Hauptgewinn!

Die HBS bietet eine Vielzahl an Seminaren, Forschungsreisen und individuellen Gestaltungsmöglichkeiten. Das habe ich bisher von keiner Stiftung so erlebt/ gehört.

Mit der Hilfe weiterer Stips konnte ich bereits ein Seminar zum Thema Social Business in Berlin organisieren und durchführen und plane ein Anschlussseminar im Baskenland und Portugal. Des weiteren gibt es Seminare an denen ich teilnehmen kann und mein Engagement ausbauen, mich weiterentwickeln und mich vernetzen kann. Und wenn es mal ein Tief gibt, dann findet sich auf den unzähligen stipendiatischen Veranstaltungen wenigstens eine Person mit der ich mich austauschen kann und neue Energie schöpfe. Es ist sehr inspirierend mit diesem bunten Haufen!

Wenn mich jemand nach den Vor- und Nachteilen von Stipendien fragen würde, könnte ich mit den Vorteilen wohl lange nicht aufhören. Ich denke nun schon eine Weile über Nachteile nach…Hhm, vielleicht die Abstimmungsprozesse, die manchmal ganz schön langwierig sein können. Aber hat man die nicht in jeder Arbeitsgruppe…?!? Also ist es per se kein Nachteil eines Stipendiums! Also Leute, BEWERBT EUCH! Wenn ihr Zweifel habt, dann lasst andere entscheiden. Zu guter Letzt habt ihr es wenigsten probiert!

Was ihr bei der Bewerbung beachten solltet?

Bleibt authentisch! Macht euch nicht größer oder kleiner als ihr seid. Reflektiert euren eigenen Werdegang, die einzelnen Stationen eures Lebens. Warum sind Dinge so passiert, wie sie eben passiert sind? Und ganz wichtig, setzt euch mit der jeweiligen Stiftung auseinander. Passen deren Ziele zu euren? Meine obige Sicht, schreibe ich aus der Sicht einer Hans Böckler Stipendiatin. Es gibt aber eine Vielzahl von Stiftungen oder auch Bildungsförderwerke genannt, die da draußen auf euch warten!

Besten der Besten, ja – aber das muss sich nicht immer auf die Noten, Studienzeiten, Arbeits- und Auslandserfahrung beziehen. Oft sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht, also sprecht mit Leuten, die Erfahrung haben. Die findet ihr im besten Fall in der Studienberatung, bei arbeiterkind.de oder auch bei eurem AStA bzw. StuRa.

Habt Mut!

Danke Jenny für deinen Beitrag aus Sicht einer Stipendiatin, die ohne den Schubs von außen, vielleicht nie eine geworden wäre!

Und die Moral von der Geschicht?

Bewirb dich verdammte Axt! Was hast du schon zu verlieren? Das schlimmste, was passieren kann, ist eine Absage. Und weiter? Ja nichts! Und genau darum geht’s. Probieren geht über studieren. Wenn du dich nicht bewirbst, wirst du nie erfahren, ob du eine Chance gehabt hättest.

Ich bin daran gescheitert, dass ich zu lange gewartet habe, weil ich nicht daran geglaubt habe, dass ich gut genug für ein Stipendium bin. Jenny hatte mehr Glück. Sie hat gerade noch die Kurve gekriegt. Durch ihr Stipendium haben sich unwahrscheinlich viele Möglichkeiten für sie ergeben, eigene Projekte voranzubringen und sie häuft im Gegensatz zu mir und allen anderen BAföG-Empfängern keine Schulden an. Sie hat sich dieses Stipendium redlich verdient, genau wie du! Also worauf wartest du noch? Schmeiß die Suchmaschine an und check deine Möglichkeiten! Los bevor meine Daumen blau anlaufen!

Und vergiss nicht, mir zu erzählen, wie’s gelaufen ist!

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Bis bald,
Luisa

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Gründerin von StudierenPlus

Wissen ist Macht und es ist an dir, diese zu nutzen. Dieses Tool ermöglicht es mir, dir aktiv beim Ausfüllen deiner Anträge zu helfen und das Recht einzufordern, das dir zusteht. Hier kann ich all meine Erfahrung als Studentin mit Kind, Studibloggerin, Frauenbeauftragte und Gutachterin für Hochschulakkreditierung einfließen lassen und das Maximum für dich rausholen.

Luisa Todisco Wirtschaftskommunikation M.A.
  • Jahn sagt:

    Ein mitreißender Artikel der zum Handeln anregt! 🙂

    Gerade weil so viele der Meinung sind, sie würden ja doch nie ein Stipendium bekommen bewerben sich nur die wenigsten. Dadurch ist die Chance ein Stipendium zu bekommen in Wirklichkeit sogar noch größer!

    Ich selbst habe im Laufe meines Studiums eine Vielzahl an Förderungen erhalten. Mein Semester in den USA beispielsweise, wäre ohne Stipendium für mich unmöglich zu finanzieren gewesen. Sogar eine Leistungsförderung habe ich in einem Semester erhalten, mit der ich wegen meiner Durchschnittsnote niemals gerechnet hatte, einfach weil sich kaum jemand mit besseren Noten um die Förderung beworben hat!

    Wenn man sich ein wenig mit dem Thema auseinandersetzt findet man eine Menge Informationen, die einen schnell einschüchtern oder erschlagen können.
    Es gibt jedoch auch Portale wie Stipendienlotse, die sich speziell mit diesem Thema beschäftigen, einen tollen Überblick geben über viele Stipendien, die man sich vorher zum Teil garnicht vorstellen konnte. Dort finden sich auch allerhand Tipps zur Bewerbung.

    Ich kann auch nur jedem raten: Macht euch die Mühe, recherchiert nach Programmen, die für euch in Frage kommen und bewerbt euch!

    Wobei ich euch raten würde euch immer etwas besser zu machen als ich euch selbst einschätzt. Wenn es eine Möglichkeit etwas, das ihr getan habt zu nutzen, um euch in ein besseres Licht zu rücken, dann gebt das auf jeden Fall an. Bescheidenheit ist an anderer Stelle angebrachter!

    Grüße
    Jahn

    • Luisa sagt:

      Hey Jahn,

      danke, dass du deine Erfahrung mit uns teilst! Ich glaub wir alle neigen dazu uns häufig kleiner zu machen, als wir sind. Von daher ist dein Tipp sich gefühlt etwas größer zu machen, sicher nicht verkehrt. Vielleicht schafft man damit in etwa das zu zeigen, was wirklich in einem steckt 🙂

      Liebe Grüße,
      Luisa

  • Auch für den Aufenthalt im Ausland kann man Stipendien bekommen. Meinen Schwedenaufenthalt hat das Svenska Institutet finanziert, durch Kost, Logis und Taschengeld in einer Folkhögskola. Also nicht nur da nach Stipendien suchen wo ihr seid, sondern auch dort, wo ihr hinwollt.

    • Luisa sagt:

      Guter Hinweis! Da ich selbst Auslandsbafög beziehen werde, hatte ich das Thema Stipendium in diesem Zusammenhang gar nicht richtig auf dem Schirm.

      Danke dafür!

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