Deutschlandstipendium - Du musst kein Überflieger sein!

Deutschlandstipendium – Du musst kein Überflieger sein!

Stipendium? Ich? Wohl eher nicht....

So oder so ähnlich denken wohl die meisten, wenn sie den Vorschlag bekommen, sich mal für so eine Förderung (​wie dem Deutschlandstipendium) zu bewerben, hat doch das Stipendienwesen einen sehr elitären exklusiven Ruf. Kaum einer sieht sich selbst in der Lage, den hohen Ansprüchen der Stipendienwerke gerecht zu werden, zumal der Status "Stipendiat" doch etwas sehr Ich-trage-Anzüge-und-bin-Wein-Kenner-mäßiges hat. ​

deutschlandstipendium

Um diesem exklusiven Image zu begegnen, hat der Bund zum Sommersemester 2011 das Deutschlandstipendium ins Leben gerufen, das sich offiziell als Förderungsmodell für alle begreift. „Alle“ ist hier sicherlich übertrieben aber trotzdem ist der Anspruch, die Schwelle für den Eintritt in eine Förderung deutlich niedriger anzusetzen, teilweise gelungen.

Stipendien - Eine Auszeichnung für ein gutes Elternhaus?

Provozierend, oder? Genau das ist aber der gängige Kritikpunkt, der nicht nur dem deutschen Stipendienwesen immer wieder entgegenschlägt. Viele unterstellen den etablierten Stipendienwerken (Parteistiftungen, Wirtschaftsunternehmen,…) einen sich-selbst-verstärkenden Charakter, indem die Zugangsvoraussetzungen so restriktiv gewählt ​sind, dass nur ein wirklich geringer Teil der guten Studierenden dafür infrage kommen. Damit sei, so die Kritik, die Studierendenschaft aus bildungsnahen Elternhäusern klar bevorteilt, sind sie doch a) an exklusive Gesellschaften gewöhnt und b) zeit ihres Lebens einem hohen intellektuellen Input ausgesetzt.

Das ist natürlich stark überspitzt gesagt und erfordert, um wirklich eine fundierte Aussage darüber treffen zu können, einiges an Hintergrundwissen. Dennoch ist es nicht falsch, dass die großen Werke, wie beispielsweise die Studienstiftung, wirklich harte Zugangsvoraussetzungen haben, an denen viele, die sicherlich „förderungswürdig“ wären, einfach scheitern. Die Stiftungen haben konkrete Anforderungsprofile, die in das jeweilige Leitbild passen - das ist ja auch nicht zu verurteilen! In einem anderen Post hat uns Gastautorin Jenny ja bereits von ihrem Stipendium bei der Hans-Böckler-Stiftung erzählt. 

Das Deutschlandstipendium hat einen etwas anderen Ansatz:

Das Deutschlandstipendium

Das Prinzip ist so einfach wie effizient: Über Vermittlungsstellen, wie Stiftungen oder einzelne Hochschulen, wird für den potenziellen Deutschlandstipendiat ein privater Förderer gesucht, der für ein Jahr monatlich 150€ zur Verfügung stellt. Dieser Betrag wird dann entsprechend seitens des Bundesministeriums auf 300€ pro Monat aufgestockt.

Tipp: Das Deutschlandstipendium wird nicht ans BAföG angerechnet!

So läuft es ab, wenn die Hürde der Bewerbung erstmal genommen ist. Aber auch das ist kein Hexenwerk. Jede Uni oder Hochschule gibt eigentlich passend zu den Bewerbungszeiträumen (meist im März/April) bekannt, wie die Bewerbungsmodalitäten aussehen. In der Regel gehört dazu ein Motivationsschreiben, der aktuelle Lebenslauf, das aktuelle Zeugnis und idealerweise soviele Bescheinigungen über Nebentätigkeiten wie möglich.

Das Schöne: Auch Studienanfänger können sich bewerben. Dann entsprechend mit dem Abiturzeugnis.

Die Förderung wird dann über ein Jahr bewilligt, währenddessen keine weiteren Nachweise über den eigenen Werdegang erbracht werden müssen. Möchte man weiter gefördert werden, braucht es einfach wieder eine neue Bewerbung - die Regelstudienzeit ist aber auch hier die maßgebliche Größe.

So läuft’s!

Das waren die Rahmendaten. Da das Programm nun seit vier Jahren läuft, lässt sich natürlich auch schon einiges darüber sagen, wie sich das Deutschlandstipendium in die deutsche Begabtenförderung eingegliedert hat. Mit 20 000 vergebenen Stipendien in 2013 hat sich inzwischen eine große Community gebildet, die sich auf die einzelnen Vergabeinstitutionen verteilt. Die größte ist dabei der Studienfonds OWL, der unter anderen auch die Uni Bielefeld und Paderborn mit betreut.

Die Stiftungen entscheiden dann in Kooperation mit der jeweiligen Hochschule über die Bewerbungen. Ist die Bewerbung angenommen und ein Förderer gefunden, ist neben der finanziellen Förderung auch ein ideelles Programm Teil des Deutschlandstipendiums. Denn auch die Förderer sehen für sich Vorteile in diesem Engagement, haben sie so doch direkten Kontakt zu fachlichen Talenten. Nicht selten ergeben sich so Praktikumsmöglichkeiten oder sogar Berufsaussichten nach dem Studium.

Neben diesen engen Kontakten erhalten die Stipendiaten zudem häufig gesonderte Einladungen zu Unternehmensführungen, Kongressen, Tagungen und ähnlichem, bei denen sich hervorragende Möglichkeiten zum Networken bieten.

Ein Stipendium für alle?

Nein, das ist es sicherlich nicht. Ein Stipendium dient genuin immer noch der Förderung besonderer Leistungen und ist damit auch nicht anders zu gewichten als die Stipendien der traditionellen Werke. Dennoch wird hier der Leistungsbegriff etwas weiter gefasst, sind es doch nicht ausschließlich die 1,0-Mathematiker, die mit 16 schon ein Millenium-Problem gelöst haben, die in den Genuss eines solchen Stipendiums kommen. Unter den Anforderungen wird, ganz ähnlich zu anderen Stipendien, konkret nach guten Leistungen im Studium und ehrenamtlichen Engagement gefragt. Das ist ziemlich weit gefasst, was aber genau den Vorteil dieses Programms ausmacht! Jeder Bewerber wird individuell bewertet, ohne das dafür irgendwelche Trainings oder persönliche Gespräche notwendig sind.

Durch die erste Bewertung seitens der entsprechenden Hochschule werden auch die Noten ausgehend vom Fachdurchschnitt der Uni bewertet. Es muss also nicht pauschal eine 1,0 auf dem aktuellen Zeugnis stehen!

Ganz unproblematisch ist das Ganze aber dann doch nicht. Ein privater Förderer, der mit 150€ monatlich für einen oder sogar mehrere Stipendiaten aufkommt, verspricht sich natürlich etwas davon. Diese Förderer sind in fast allen Fällen Wirtschaftsunternehmen, in wenigen Fällen Stiftungen oder tatsächlich Privatpersonen. Das hat natürlich zur Folge, dass es eine fachliche Hierarchie in den Stipendienvergaben gibt, die sich doch deutlich in Richtung der Ingenieurswissenschaften bzw. MINT-Fächer auswirkt. Als Beispiel: 2013 waren nur knapp 11% der neuen Stipendiaten aus dem Bereich der Sprach- und Kulturwissenschaften. Die Hochschulen versuchen aber genau deshalb unabhängige Stipendien zu erhalten, welche nicht auf ein Fach abzielen, sondern für alle Studierende an der Hochschule zur Verfügung stehen.

Bewirb dich!

Das sollte dich aber nicht abschrecken! Auch ich bin Geisteswissenschaftler und bin nun im zweiten Jahr der Förderung. Eine Bewerbung für das Deutschlandstipendium ist in jedem Fall sinnvoll, denn nachdem die Dokumente über das Online-Tool abgeschickt wurden, musst du nichts weiter tun als abwarten. Selbst wenn es dann nicht klappt: Ein gutes Motivationsschreiben anzufertigen ist immer auch ein Training der eigenen Soft Skills.

Ein weiterer Vorteil, wenn du erstmal drin bist: Trotz der strengen Regeln, was Studiendauer etc. angeht, können individuelle Sonderfälle oft geklärt werden. Fachwechsel oder auch Nachwuchs können ein Studium unter Umständen verlängern aber auch in solchen Fällen heißt das nicht automatisch: Schluss mit lustig! Aus eigener Erfahrung können wir sagen: Den Stiftungen und Förderern ist sehr daran gelegen, dass du deinen Weg erfolgreich beschreiten kannst und daher können auch solche Situationen bei guter Begründung weiterhin mit dem Stipendium in Einklang gebracht werden.

Insgesamt ist das Deutschlandstipendium also zumindest vom Anspruch her eine tolle Alternative zu den großen Stipendienwerken, ist es von der Struktur her doch nahezu identisch aufgestellt. Aber gerade die Ausrichtung auf ALLE Studiengänge (das Problem der Wirtschaftsnähe ist nur sehr schwer zu umgehen) und die niedrigschwellige Bewerbungsprozedur sollte für jeden Anreiz genug sein, sich hier einmal zu bewerben.

Du hast also ganz ordentliche Noten und liegst zwischen den Vorlesungszeiten nicht nur auf der Couch, sondern schaust auch mal nach rechts oder links? Dann achte aufmerksam auf die Bewerbungsfristen und frag bei deiner Uni nach, wann und wohin deine Bewerbung geschickt werden soll!

Es gibt auch einige Ratgeber, die dir da noch weiter helfen können.

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25 jähriger Germanistik und Geschichtsstudent mit einem ordentlichen Hang zur Buchstabenschubserei!

Björn 
Offizieller Autor bei Studieren+                 
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